45-jähriges Jubiläum des Kreuzbund-Stadtverbandes
Predigt in der Eucharistiefeier anlässlich des
45-jährigen Jubiläums des Kreuzbund-Stadtverbandes Duisburg am Samstag, dem 11.
März 2006, 17.00 Uhr – Homberg, St. Peter – 2. Fastensonntag im Jahreskr. B –
Les.: Röm 8,31b-34; Evang.: Mk 9,2-10.
Liebe Mitglieder der Duisburger Kreuzbundgruppen! Liebe
Schwestern und Brüder!
- In ihrer Predigt am 1. Fastensonntag vor einer Woche hat
unsere Pastoralreferentin Anne Gravendyk das, worauf es in der Fastenzeit,
in dieser österlichen Bußzeit ankommt, so zusammengefasst: „Die kleinen
und großen Süchte aufspüren und wieder in Sehnsüchte verwandeln.“
- Das Wort „Sucht“ hängt nicht mit „Suchen“ zusammen.
Ursprünglich leitet es sich ab von dem mittelhochdeutschen Wort „siech“.
Und das heißt so viel wie „krank“. An vielen Dingen können wir krank
werden: Nicht nur an den Gelenken, am Magen, am Zucker, am Krebs… Wir
können auch krank werden am Essen – Esssucht, am Alkohol – Alkoholsucht,
am Ich – Ichsucht, am Spielen – Spielsucht, am Nikotin – Nikotinsucht, am
Sehnen – Sehnsucht.
- Die Sehnsucht – die hat es in sich. Das ist eine andere
Krankheit, eine ganz andere Sucht als die vielen kleinen und großen
Süchte, die es zu verwandeln gilt. Sehnsucht – dieses Wort lässt bestimmte
Seiten in uns zum Klingen kommen: das Gemüt und das Herz. Die Ärztin Heike
Kriegbaum empfiehlt: „Von Zeit zu Zeit den sichernden Anker lösen, an sich
selbst den Abschiedsbrief schreiben – und das Steuer der Sehnsucht
überlassen.“
- Es gibt da eine tiefe Verwundung, die in vielen Menschen
steckt: Eine Sehnsucht, dass das Unrecht in meiner Umgebung, in der Welt
überwunden wird, dass die bestehenden Verhältnisse sich endlich ändern,
dass eben nicht alles so bleibt wie es ist. Diese Sucht, diese Sehnsucht,
die darf nicht verdrängt werden. Im Gegenteil: Die gilt es zu pflegen, zu
behüten und zu bewahren. In sie müssen unsere kleinen und großen Süchte
verwandelt werden. Mit ihr müssen wir leben lernen, ja dürfen und sollen
wir leben.
- In unseren Kreuzbundgruppen wollen wir uns gegenseitig bei
solchen Wandlungs- und Lebensprozessen helfen. In diesem Sinne versteht
sich der Kreuzbund als eine Helfer- und Helferinnengemeinschaft. Darin
sehen wir unsere Aufgabe: In der Sehnsuchtspflege.
- Ist aber das nicht die Aufgabe einer jeden christlichen
Gemeinschaft und Gemeinde: Die Sehnsucht zu pflegen, den Horizont zu
weiten, befreites, un-abhängiges Leben zu ermöglichen? Haben das nicht
auch die Jünger auf dem Berg erlebt, auf dem Berg der Verklärung? Da
wandelt sich etwas, Ballast wird abgeworfen. Das Herz spürt: Hier ist gut
sein, hier sind wir zu Hause, hier lasst uns Hütten bauen, hier haben wir
ganz neue Erfahrungen gemacht.
- Bei dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint
Exupéry kann man folgendes lesen: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so
trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge
vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Nein, wenn
du ein Schiff bauen willst, dann wecke in ihnen die Sehnsucht nach der
Weite des endlosen Meeres.“
- In einer großen Umfrage unter jungen Leuten wurde kürzlich
die Frage gestellt: „Was ist Ihre tiefste Sehnsucht?“ 88 % gaben zur
Antwort: „Ich möchte Menschen um mich haben, die ich lieben kann und die
mich lieben.“ Kann sich diese Sehnsucht erfüllen? Viele Menschen sagen aus
ihrer Lebenserfahrung: „Sie erfüllt sich nicht!“ Oder sie ergänzen: „Wenn
es Stunden gibt, in denen sie sich erfüllt, dann bricht neue Sehnsucht
auf, dass die Erfüllung bleibt und nicht vergeht. Alle Liebe will
Ewigkeit.
- Die Sehnsucht bleibt offenbar eine offene Wunde in uns
Menschen. Woher kommt das nur? Der heilige Augustinus, der wie kaum ein
anderer über die Sehnsucht nachgedacht hat, ja sie wahrhaft gelebt hat,
sagt: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch.“ Gott steht wie der Vater in
dem bekannten Gleichnis vom verlorenen Sohn an der Tür des Hauses und
schaut sehnsüchtig aus nach diesem Sohn, nach der Tochter in der Fremde.
Von dieser Sehnsucht ist unser Herz getroffen, verwundet, unruhig, bis es
in Gott zur Ruhe kommt.
- Ich denke an einen Satz von Kurt Tucholsky. Er hat es kurz
und bündig formuliert: „Diese Welt ist eine Nummer zu klein geraten, um
die unendliche Sehnsucht des Menschen stillen zu können.“ Deshalb ist die
Sehnsuchtspflege gar nicht immer so einfach. Diese Pflege der Sehnsucht
lebt vom Ankerlichten, vom Aufbrechen, vom Neu-Anfangen.
- Hermann Hesse formuliert: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber
inne.“ Gilt das auch für uns, für unsere Kreuzbundgruppen, für unsere
Gemeinde St. Peter, für diese Fastenzeit? Oder geht es uns eher wie den
beiden Frauen, die sich da morgens im Wartezimmer eines Arztes treffen:
Sagt die eine: „Wie geht’s denn so?“ „Ach muss,“ antwortet die andere,
„und Ihnen?“ „Auch so! Man ist ja froh, dass man’s noch so schafft.“ Sie
sahen müde aus. Und sie schienen zufrieden mit ihrer Müdigkeit. Ihr Tag
war zu Ende, ehe er überhaupt begonnen hatte. Da war nichts mehr zu spüren
vom Zauber des Anfangs.
- Oft treffen wir auf solche Menschen, die gezeichnet sind
von Müdigkeit, Erschöpfung und Trauer. Die Lasten, die sie tragen,
übersteigen ihre Kräfte. Doch sie geben nicht auf. Sie suchen nach einem
Weg, um in der Erschöpfung nicht unterzugehen. Müdigkeit und Erschöpfung
sind nicht in sich schon das Ende des Anfangs. Erst wenn die Sehnsucht
stirbt, stockt der Weg und der Zauber verfliegt.
- „Zauber“ – damit ist hier keine Magie, kein Hokuspokus
gemeint. Zauber meint hier: In jedem Anfang, in jedem Neu-Anfang keimen
noch Möglichkeiten, die wir nicht ahnen können. Vielleicht auch
Entwicklungen, von denen wir noch nichts wissen. Den Zauber des Anfangs
wahrnehmen bedeutet, sich offen halten für das Geheimnis des Wachsens. Es
braucht die Erwartung, dass da noch etwas kommt, dass Neues möglich ist.
Es braucht die treibende Kraft der Sehnsucht. Die Dichterin Nelly Sachs
sagt: „Denn nicht häuslich darf die Sehnsucht bleiben, die brückenbauende
von Stern zu Stern.“
- Das Gefühl, es gerade noch geschafft zu haben, richtet den
Blick nach hinten und das Tagewerk kann abgehakt werden. Doch über den
geschafften Alltag hinaus sich den Blick auf die großen Bögen des Lebens
zu bewahren, das erhält den Zauber lebendig. Eine Sehnsucht, die sich nur darin
erschöpft, den häuslichen Alltag zu schaffen, ist bald erschöpft. Es geht
um mehr. Die Sehnsucht, die wir pflegen wollen, ist darauf angelegt,
Brücken zu bauen von Stern zu Stern, Untiefen zu überwinden, und
vielleicht auch Wege zu gehen, die uns neu und befreit aufleben lassen.
Ludger Funke